„Wovon wir träumten“ von Julie Otsuka

Ist das ein Roman?

Ja, schon, aber ein besonderer. Ich nenne es einen „Kollektiv-Roman“. Hier steht keine Einzelperson oder Familie oder eine andere überschaubare Gruppe von Individuen im Mittelpunkt, sondern, ja, ein Kollektiv:

300 Frauen und Mädchen reisen 1906 von Japan nach Osten, in die USA, um dort zu heiraten. Sie erhoffen sich Großes und Schönes, zumindest aber, von der Plackerei ihre Herkunft erlöst zu werden. Sie werden zum großen Teil bitter enttäuscht. Ihre Ehemänner sehen den Männern auf den Photos überhaupt nicht ähnlich – entweder sind die Photos 20 Jahre alt oder es ist ein anderer Mann. Die Lebensumstände, die auf sie warten, sind hart: Erntewanderarbeit, Landarbeit, Dienstmädchentätigkeit, das ist ihr Los.

Julie Otsuka schildert das alles per „wir“: die Enge auf dem Schiff, die erzwungene Nähe völlig unterschiedlicher Frauen. Erschütternd ist das Kapitel zum Thema Hochezeitsnacht: Immer der Satz „Sie nahmen uns“ – vier Druckseiten lang Variationen von Gewalt und Zärtlichkeit, von Respekt und Demütigung.

In dieser Art schildert Julie Otsuka das weitere Leben der Frauen – die harte Arbeit, die Geburten, das Aufwachsen und Sterben der Kinder, die Ehen oder ihr Scheitern, die Entfremdung von den Kindern, die gebürtige Amerikaner sind – lauter unterschiedliche Geschichten, eingebettet in das „Wir“, das  „Eine von uns“. Einzelschicksale ja, aber nur brennpunktartig beleuchtet. Manchmal ein Satz wörtlicher Rede – ein greifbarer Moment, der sich sofort wieder in die lange Reihe eingliedert, die Reihe von 300 Schicksalen. Namen fallen, manche nur einmal, manche öfter – etwas fassbarer, fast sieht man ein Gesicht. Aber auch die reihen sich wieder ein.

Die Autorin gewährt Einblick in individuelles Leben und in die Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika. Die Fremdheit wird erlebbar – manche „von uns“ lernen in all‘ der Zeit nicht, sich auf Englisch auszudrücken.

Im Laufe der Jahre richten sich die Fremden im Fremden ein. Sie kommen nicht alle wirklich an. Aber manche passen sich an, haben Erfolg. Dann kommt Pearl Harbour  – der Name fällt nicht! – und alles ändert sich.

Ich verrate nicht, wie sich das letzte Kapitel von den vorhergehenden unterscheidet – das müssen Sie schon selbst erleben. Ich fand das Buch sehr bewegend und ich habe viel dabei gelernt – über Fremdsein und -bleiben, über Amerika und Japan und über die Möglichkeit, Romane zu schreiben. Lesenswert!

Julie Otsuka: Wovon wir träumten, mare-Verlag Hamburg 2012, übersetzt von
Katja Scholtz, ISBN: 9783866481794

Rezensionen ab Mai 2013 erscheinen in meinem Literaturblog Kölner-Leselust.de.

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