Wer braucht welche Recherche? Musiker braucht …

… Briefpassagen.

Auch ein früher Fall: Ein Musiker benötigte für das Booklet einer Aufnahme Stimmen anderer Komponisten über den, dessen Musik da eingespielt wurde. Es handelte sich um einen Komponisten des 18. Jahrhunderts und am wirksamsten sind da natürlich Passagen aus Briefen von Mozart oder Haydn. An Digitalisierung war noch nicht zu denken. Also war ein Gang in die Bibliothek angesagt, die die Briefe dieser Komponisten vollständig vorliegen hatte. Das sind z. T. ganz schön schwere Folianten. Zum Glück sind Personenregister gerade bei diesen Publikaionen obligatorisch. Also hieß es die entsprechenden Seiten zu überprüfen, ob die Aussage denn auch zum Zweck passt; für so ein Booklet solls ja was Positives sein, bitteschön.

Wie die Arbeit ausgesehen hat, kann man bei der Digitalisierung der Briefe Haydns heute (2014 – die Neubearbeitung der Briefausgabe ist in Arbeit; 6.8.2018) noch online ein bisschen nachvollziehen: Die Briefbände sind einfach so ins Netz gestellt, ohne Verlinkung oder andere Annehmlichkeiten. Wenn ich jetzt also Aussagen Haydns über Kaiser Joseph II lesen will, muss ich erst mal ins Register; dort sehe ich die Seitenangabe 115, 250 und 270. Also scrolle ich dorthin und lese auf S. 270:

Die letzte Erwähnung von Joseph II stammt aus dem editorischen Breicht.
Die letzte Erwähnung von Joseph II aus der Liste von oben stammt aus dem editorischen Bericht.

Hier ist also einfach “Fließtext”, der Textkörper der Briefedition von 1965 ist unverändert erhalten. An manchen Stellen wird das Lesen noch durch die fehlerhafte Darstellung von Sonderzeichen erschwert. Außerdem ist bei manchen Briefen die Briefzeile angegeben, die von der des Drucks unterschiedlich ist.

Die Briefe der Familie Mozart sind angenehmer zu lesen, denn sie sind auf einer Seite der Stiftung Mozarteum einzeln digitalisiert. Die Briefe sind auf der Seite Dokumente chronologisch aufgeführt, mit Datum, Adressat und Absender. Diese Angaben sind zugleich der Link zum digitalisierten Dokument selbst. Bei vielen dieser Briefe ist das Original daneben abgebildet, es gibt eine Transkriptions- und eine Lesefassung (oben rechts – PDF-Format) – sehr schön:

So sieht ein digitalisierter Brief der Familie Mozart aus
So sieht ein digitalisierter Brief der Familie Mozart aus. Die Zeilenaufteilung entspricht dem Original.

Großer Nachteil für die oben erwähnte Aufgabe: Es gibt kein Register. Dafür brauche ich also doch wieder die gedruckte Version in der Bibliothek. Ansonsten ist das Projekt wirklich toll.

Briefe weniger bekannter Komponisten und Komponistinnen, aber auch die großer Berühmtheiten, finden sich “nicht einfach so” im Netz; es gibt Briefeditionen noch immer v. a. als Printprodukte. Wenn Sie sich mal die Liste der Edition der Schumann-Korrespondenz anschauen, können Sie es auch nachvollziehen: Eine solche Arbeit muss ja finanziert werden.

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