Jedes Kind muss programmieren können? – Zum Zeit-Artikel vom 21.9.2019

Jakob von Lindern hat im September 2019 einen umfangreichen Artikel zum Thema “Jedes Kind muss programmieren können” verfasst. Mit einer Differenzierung dieser Aussage, der ich zustimmen kann. Nein, wirkliche Programmierkenntnisse halte auch ich nicht für zwingend nowendig.

Hintergrund des Artikels ist der Digitalpakt – und die Frage, was genau damit gefördert werden soll oder sollte. Grundlegende Kenntnisse über die digitale Welt sind unerlässlich. Dazu gehört das Wissen, dass es Programmiersprachen und Algorithmen gibt und wie sie so ungefähr funktioneren, was sie können und was nicht. Mit anderen Worten: Es bedarf einer digitalen Grund- und Allgemeinbildung. Dem stimme ich zu.

Auch der Aussage, dass die Schulen der Ort sind, wo diese Kenntnisse vermittelt werden sollen. Doch hier kommt dann der Haken an der Sache: Viele Lehrerinnen und Lehrer wie auch Lehramtsstudierende haben davon selber kaum einen Schimmer. Deshalb ist die Aus- und Weiterbildung auf diesem Gebiet so wichtig.

Was hat der Satz “Jedes Kind muss programmieren können” mit mir und meinen Angeboten zu tun?

Wie Sie wissen, biete ich Seminare und Workshops für Lehrerinnen und Lehrer an – in Sachen Recherche. Das ist mein Spezial- und Fachgebiet. Hier bin ich die Nischentaucherin, hier kenne ich mich aus und kann anderen etwas zeigen, das ihnen nützt.

Meine Aufgabe sehe ich einerseits darin, Menschen zu Recherchekompetenz zu verhelfen. So können sie besser und schneller die relevanten Sachen finden. Andererseits aber besteht meine Aufgabe auch darin, das Bewusstsein für die Möglichkeiten und Fallstricke in Digitalien zu schärfen. So gehört zu fast jedem meiner Seminare eine Erläuterung, wie Suchmaschinen denn nun eigentlich arbeiten. Was es mit dem Algorithmus auf sich hat, der die Reihenfolge der Ergebnisse generiert. Worin die Grenzen von Suchmaschinen bestehen – denn, nein, es ist nicht alles einfach zu googlen. Für komplexe Fragen bedarf es guter Suchtechniken und der Kenntnis der richtigen Suchorte und Instrumente.

Im Rahmen meines Themas lehre ich so eben auch “programmieren”, bzw. ein Grundverständnis von dem, was programmieren bedeutet. “Jedes Kind muss programmieren können” ist ein Satz, bei dem man sich als Lehrperson leicht überfordert fühlt – oder nicht zuständig. Für so was sind die Leute aus den MINT-Fächern zuständig …

Nöö. Nicht nur. Bei der #future19 habe ich eine Frau kennenlernendürfen, die IT und Geisteswissenschaften zusammenbringt und das auch für Lehramtsstudieren anstrebt (Suchen Sie mal hier nach Susanne Kurz).

Ich selber bin ja Germanistin und Historikerin – und in manchen Bereichen eine schlichte Endanwenderin von digitalen Tools. Und so weit sind viele der Inhalte, die ich in meinen Seminaren vermittele von dem, was in den geisteswissenschaftlichen Fächern gelehrt wird ja nicht entfernt. Quellenkritik und Textkritik z. B. sind für die Recherche und erst recht für die Prüfung der Ergebnisse unabdingbar.

Symbolbild Unterrichtssituation zu "Jedes Kind muss programmeiren können"
Wer gutes Wissen in digitalen Bereichen weitergeben will, braucht selber eine Schulung – nicht unbedingt als erstes programmieren können, aber eine Ahnung von Code, Algorithmus und Co. ist schon sinnvoll

Wer sagt was zu welchem Thema in welchen Zusammenhang und mit welcher Zielrichtung vor welchem Publikum? Das ist eine klassische Frage an historische Quellen wie an Webseiten mit mehr oder wenigen gehaltvollen Aussagen.

Ermutigung zu Weiterbildungen in Lehrerkollegien über “Jedes Kind muss programmieren können” hinaus

Also weder jede Lehrperson noch jedes Kind muss programmieren können – aber die Grundkenntnisse sollten vermittelt werden. Und nicht nur in den MINT-Fächern, sondern auch in Geschichte oder Deutsch oder Französisch. Dafür müssen Lehrer und Lehrerinnen, denen “programmieren” erst mal suspekt ist, nicht programmieren können. Sie können auf anderen Wegen, die ihren Neigungen vielleicht besser entsprechen, dieses Wissen erwerben und z. B. ihr Verständnis von Quellenkritik um digitale Quellen erweitern und dann auch vermitteln.

Dem Satz aus dem Artikel, dass an den Unis und im Referendariat digitale Themen eine viel größere Rolle spielen müssen, schließe ich mich also voll an. Das kann eben unterschiedlich aussehen. Es muss “nur” an den entscheidenden Stellen mitgedacht werden. Und die Entwicklung von Curricula sollte auf dem Gebiet vielleicht etwas beschleunigt werden. In diesem Beitrag von 2017 können Sie in einem Bild erkennen, wie lange die Einrichtung solcher Inhalte allein für ZFsL – also die Einrichtungen, die Referendarinnen in der Ausbildung begleiten – benötigt.

Es hakt also auch ohne den Anspruch “Jedes Kind muss programmieren können” in der digitalen Bildung, trotz guter Konzepte. Es sind halt alle Ebenen gefragt:

  • die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern
  • die Fort- und Weiterbildung von Lehrern und Lehrerinnen
  • die Schulen und ihre Konzepte zum digitalen Lernen
  • die Entscheidungen rund um technische Ausstattung, Wartung udn Verträge
  • die Kooperation dieser und weiterer Ebenen

Obwohl nun schon so lange Konzepte entwickelt werden, kommt an der Schule selbst nur ein Bruchteil dessen an, was wünschenswert ist. Das ist schade.

Nachtrag: Um diese digitalen Kompetenzen im Unterricht und auch in der Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern muss es eben nicht immer “Informatik” in toto sein. Es können auch Teilaspekte bereits helfen. Frage: Wer hat Ideen, welche solcher Teile aus Digitalien noch sinnvoll vermittelt werden können, um die Zeit, bis alle Lehrpersonen digital fit sind, zu überbrücken?

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