#Future19 – eine inspirierende Tagung

Die letzten Tage im August 2019 standen im Zeichen des Hashtags #future19 – das ZfL der Uni Köln hatte eingeladen. Aus dem umfangreichen Programm von Workshops und Talks/Vorträgen musste ich mir im Vorfeld bereits „meine“ raussuchen. Und trotzdem gab es dann vor Ort noch Neues zu entdecken. Dazu gleich mehr.

Los ging es am Mittwoch – Zukunft bei #future19

Dr. Edgar Göll vom IZT in Berlin sprach über Zukunftsforschung – sein Metier halt. Für einige waren die vorgestellten Erkenntnisse und Methoden eher alte Hüte – für mich war vieles neu. Gut, von Megatrends hatte ich schon gehört. Aber was sie mit den Zukünften machen, muss halt einzeln betrachtet werden. Wie Edgar Göll sagte, gilt es bei Zukunftsentwürfen auf beides zu achten: die Chancen und die Risiken! Die verschiedenen Möglichkeiten, auf Herausforderungen zu reagieren, verteilen sich in der Gesellschaft so:

  • 27 % Weltveränderer
  • 30 % überforderte Helfer
  • 13 % überzeugte Egoisten
  • 30 % Resignierte
Vier Verhaltenstypen - Vortrag zu Zukunftsforschung von Edgar Göll bei #future 19
Hier sind diese vier Typen mit den Erklärungen und der Quellenangabe aus Herrn Gölls Vortrag.

Hm, zu welchem Typus gehöre ich selber? Edgar Göll machte deutlich, dass in jeder*m von uns alle Anteile vorhanden sind, die je nach Tagesform auftauchen. Lehrer*innen gehören von der Idee her eher zum ersten Typus. Das Problem ist, dass der Lehrberuf in Deutschland zu wenig Anerkennung bekomme – diese gesellschaftliche Anerkennung müsse steigen, um Zukunftsprobleme im schulischen Kontext angehen zu können.

Nach dem Abendessen gab es ein paar nette Ideen, um Leute kennenlernen zu können. Vier Thesen stand im Raum (wörtlich: auf Stellwänden), zu denen Meinung und Austausch gewünscht waren. Es folgte eine lustige Runde Spielchen. Die ersten Hürden als Großgruppe schienen genommen, als ich die Veranstaltung verließt. Am nächsten Morgen ging es ja früh weiter!

Der vollste Tag auf der #future19 – Donnerstag der 30.8.2019

Im Opening Talk diskutierten Myrle Dziak-Mahler, ZfL, Britt Dahmen, Gender and Diversity Management der Uni Köln, Hubertus Neuhausen, USB Köln und Stephan Wassmuth, Bundeselternrat einige der Themen des Tages. Bei mir blieb hängen, dass es im schulischen Bereich immer auch Graubereiche gibt, die Freiräume für Schulen bieten, um Neues auszuprobieren. Der Haken ist: Ob sie genutzt werden, hängt von den Leuten vor Ort ab. Deshalb denke ich, dass die Möglichkeiten, die inzwischen erwiesen sind, auch „von oben“ Eingang in den schulischen Alltag finden sollten – wie Britt Dahmen sagte, ist es nämlich wichtig, die Kinder als Individuen zu sehen und auf ihre Begabungen und Bedürfnisse einzugehen. Viele alte Unterrichtsmethode oder auch die Situation im Klassenraum lassen das nicht zu. Das frustriert auch die Lehrer*innen.

Inga Höltmann war angekündigt, dass sie über New Work sprechen werde. Das erste, was sie erwähnte, war das große Scheitern in ihrem Leben – das sie dann als Möglichkeit nutzte, sich völlig neu zu sortieren und was ganz Anders als vorher zu machen. Nun berät sie Unternehmen darin, anders an die Herausforderungen heranzugehen. Dabei geht es um Unternehmenskultur und Digitalisierung – die ist nämlich nicht irgendwann abgeschlossen, sondern hier muss permanent neu gedacht werden. Die Herausforderung schlechthin ist die  Eigenverantwortlichkeit der Einzelnen –

Der Workshop „Veränderungen bewirken in Schulen“ bestand zu einem großen Teil darin, ein E-Learning-Tool auszuprobieren – das war für mich durchaus interessant. Aber ich habe mir aus diesem Workshop auch Arbeit für zu Hause mitgenommen – einige der E-Learning-Angebote werde ich in Ruhe studieren.

Der Talk von Susanne Kurz zum IT-Zertifikat in den Digital Humanities an der Kölner Uni hat mir sehr viel Freude gemacht – v. a. weil ich viel Übereinstimmung bei der Einschätzung z. B. von „Digital natives“ sah. Ihr Ziel: Ein IT-Zertifikat für Lehrer*innen. Ich bin gespannt. Es soll da nächstes Jahr was geben.

Hubertus Neuhausen mit „Von der Schriftkultur zur Digitalkultur“ bot viel Input – auf ehrlich gesagt zu vollen Folien … Ein paar der Vorträge, die er zitierte, werde ich mir mal ansehen, z. B. von Prof. Nacken zu „Blended Learning“.

Dann war da noch der Workshop mit Myrle Dziak-Mahler.

Workshopbeginn mit Myrle Dziak-Mahlerbie #future19
Myrle Dziak-Mahler zu Beginn ihres Workshops. Foto: Heike Baller

Hier stellte sie verschiedene Coaching-Methoden vor, um Zukunft besser gestalten zu können – im Rahmen der Möglichkeiten natürlich. Eine der Methoden hatte sie am Morgen bereits kurz vorgeführt: Man stelle sich im Raum auf den Zielpunkt – in fünf oder zehn oder zwei Jahren. Und dann soll man nachspüren, wie sich das Leben da anfühlt – mit dem jeweiligen Szenario, das man sich da wünscht. Was ist zu spüren? Wie riecht es? Was is tzu hören? Was ist it dem eigenen körper? Welche Emotionen tauchen auf? Von diesen Eindrücken aus, kann man nun der Person im Jetzt raten, wie es weitergehen soll. Es ist die so genannte Timeline-Methode im Coaching. Es wurde lebhaft diskutiert, inwieweit das auch für Kollegien machbar sein könnte. Myrle Dziak-Mahler, die mit ihrem Team die Macherin von #future19 ist, findet solche Prozesse sehr wichtig, damit die Kinder nicht in zwei Welten leben müssen – die digitalisierte Alltagswelt um uns herum und die digtalfreie Schulwelt. Diese Diskrepanz, diese zwei Welten, kamen auf der Tagung immer wieder zur Sprache.

An der Uni Köln selbst war sie auch zu spüren. Ich hab da ja vor mehr als 30 Jahren studiert, lehre nun dort und habe wie andere auch den Eindruck: Äußerlich zumindest hat sich da nicht viel getan … Die Räume im Hörsaalbgebäude sehen aus wie damals – nur Router und Beamer sind neu. Im Philosophikum gibt es weißere Wände in den Seminarräumen und die, die an den Außenbereichen liegen, haben jetzt Fenster. Yeah! Aber die Wände im Foyer und in den Fluren entsprechen immer noch dem Brutalismus.

Mein Sundowner-Vortrag war der von Christoph Butterwegge – ein Mann, der ohne Skript und Präsi fast eine Stunde lang druckreif zu seinem Thema spricht. Beeindruckend. Ich wollte ihn nun endlich mal live erleben und war nicht enttäuscht. Er provoziert gern – so sagt er „Bildung wird überschätzt.“, wenn es um die Verminderung von Armut geht – es gibt strohdumme Menschen, die stinkendreich sind und sehr gebildete Menschen, die in prekären Verhältnisse leben – der sprichwörtliche Taxifahrer mit Philosophie-Studium kam da wieder zur Sprache. Er zitiert überhaupt gern. Der Spruch, „Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg“, habe ich getwittert und über diese Medium weiteren Aufschluss zu dem Spruch bekommen: @Hans_Opa antwortete: „Das mit der Villa stand auf einem Hausbesetzer-Flugblatt von 1981. Die radikale Version lautet: Wo eine Villa war, ist jetzt ein Weg.“ Wieder was dazugelernt. Herr Butterwegee hat das für sein Thema angepasst.

Es gab noch eine Vielzahl anderer Workshops, Vorträge und auch Sundowner – wer sich da für Inhalte interessiert, kann mit #futuer19 bei Twitter suchen und wird bestimmt was Spannendes finden. Es gibt auch einen kompakten Rückblick beim ZfL selber.

Der dritte und Abschlusstag von #future19

Nora Runkel, gerade frisch von der Schule hielt den Eröffnungsvortrag am Freitag. Sie engagiert sich für die Weiterbildung von Schülervertretungen. Sie fragt, warum es noch Schulen gibt, die nicht barrierefrei sind. Im Rahmen ihrer Arbeit beim  SV-Bildungswerk ist sie mit Peer-Education vertraut und stellte uns das vor. Wenn Erwachsenen dabei mitwirken, haben sie die schwere Aufgabe, ihren Wissens- und Erfahrungsvorsprung zurückzuhalten, damit wirklich Augenhöhe entstehen kann.  Was die Arbeit des SV-Bildungswerks erschwert: Die ausgebildeten Schüler*innen für diese Aufgaben erhalten viel zu wenig Freistellung vom Unterricht für diese wichtige Aufgabe. Es gab eine lebhafte Diskussion, die Nora Runkel souverän meisterte – souverän auch in dem Sinne, dass sie an einer Stelle sagte „Ich muss erst mal meinen Kopf sortieren.“ Eine beeindruckende junge Frau.

Es folgte ein ungemein dichter, kompakter und informativer Vortrag von Michael Schratz aus Innsbruck. Er ist Jurymitglied für den Deutschen Schulpreis und hat die School of Education in Innsbruck gegründet. Ich trau mir gar nicht zu, das zu referieren. Nur ein par Gedankensplitter daraus:

  • Passen unsere Schulen noch für die Schüler*innen von heute?
  • Bildung kann man nicht googlen. Bildung ist, neu zu denken.

Einleuchtend fand ich die Unterscheidung von „lernseits und lehrseits“ als Einstellung – dem bin ich später am Tag wieder begegnet.

@sbkDiggi17 (Silke bettina Kargl) bringt es mit ihrem Tweet auf den Punkt: „Glaubst Du an das was du tust? fragt @MichaelSchratz immer wieder in seiner #keynote #future18 Dem Auditorium rauchen die Köpfe.“

Nach diesem anspruchsvollen und inspirierenden Vortrag ging es wieder in Workshops. Das, was ich mir ursprünglich ausgesucht hatte, passte mir dann doch nicht und ich landete bei der “Drohnen-Rallye”. Ein Unterrichtmodell, das ein Student der Physikdidkatik an der Uni Köln entwickelt hat. Nach einleitenden Worten von André Bresges zur Zukunft des Flugverkehrs, mussten wir Teilnehmenden erst eine Drohne zusammenstecken, dann mit einem Programm einen einfachen Code für „Start“, „Steigen“, „Fliegen“ und „Landen“ erstellen. Mit einem Videoprogramm, das Geschwindigkeiten und Entfernungen ausliest, konnten wir dann ermitteln, wie lange die Drohne für einen Meter braucht. Am Ende stand ein Wettbewerb der Teams: Wessen Drohen landet am nächsten an der Kuchenschachtel? Es war ein großer großer Spaß. Und dabei gab es immer wieder didaktische Informationshäppchen: Wie entsteht bei einem solchen Projekt die intrinsische Motivation, sich mit dem Dreisatz zu befassen? Wie ist das mit dem Lernen in der Gruppe – indem wir die Sieger zu ihren Methoden befragen, praktizieren wir die Peer-Education, die Nora Runkel morgens vorgestellt hatte.

+future19 und Drohnen-Rallye. Ich hatte viel Spaß .
Hier fliegt gerade “unsere Drohne – das Foyer des Philosophikums mit seinem Betoncharme als Hintergrund. Foto: ZfL an der Uni Köln.

Für mich war ein Gespräch mit André Bresges sehr informativ Er sagte, die Lehrkräfte seien in der Bringschuld gegenüber den Lernenen. Es gebe verschieden Typen: Typ A findet MINT-Sachen spannend, Typ B ist eher an personalen Zusammenhängen interessiert, Typ C an gesellschaftlichen Zusammenhängen. Wer nun als Fachlehrer*in den Unterricht so macht, dass sie die packt, die dem gleichen Typ entsprechen – also Physik für A-Typen – lässt die anderen zurück. Und weil Lehrer*innen in der Position sind, in der sie zur Zeit eben sind, haben sie die Pflicht, ihren Unterricht so zu gestalten, dass die jeweils anderen Typen ebenfalls profitieren.

Nach diesem wirklich erfreulichen Workshop war für mich die Tagung #future19 vorbei, da mich andere Pflichten riefen. Es gab noch einen Abschlusstalk; den hab ich verpasst.

Ansonsnten habe ich eine Menge spannender und netter Menschen kennenglernt, Tipps bekommen und Ideen gesammelt. Ich hoffe, ich konnte ebenfalls Ideen anstupsen. Dieses Netzwerken ist ebenso wichtig wie der inhaltliche Input und Austausch.

Goethe-zitat von der #future19
Dieses Goethe-Zitat, das Edgar Göll am ersten Tag der #future19 anbrachte, kann als Motto der Tagung gelten.

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