Die unerschöpfliche Suche – von Nina Bodenlosz

Es blogwichtelt 🙂 Sie kennen das ja schon: In meinem Netzwerk Texttreff gibt es jedes Jahr rund um die Weihnachtszeit diese Aktion: Bloggerinnen des Netzwerks werden als Gastautorinnen – „Wichtelinen“ – einem anderen Blog aus dem Netzwerk zugelost. Meine Wichteline in diesem Winter ist Nina Bodenlosz: Und Nina Bodenlosz schreibt Romane, Erzählungen und kurze Texte, die von ihrem Blog „Das Bodenlosz-Archiv “ aus in die Welt fliegen. Sie lebt in Berlin-Neukölln. Neben dem Schreiben lektoriert sie wissenschaftliche Texte und bringt andere Menschen zum Schreiben und Tanzen . (PS: In meinem anderen Leben, als Kölner Leselust, habe ich für Nina Bodenlosz auch schon gewichtelt …) Hier kommt ihr Text:

Die unerschöpfliche Suche

Ich bin eine routinierte Sucherin. Das gilt für Schlüssel, Brillen und den Impfpass (den ich nun allerdings parat habe). Ich durchforste auch täglich das Internet. Sobald mir etwas unklar ist, ich etwas kochen oder backen möchte, eine Adresse oder Fahrradroute ausfindig machen will, ein Zitat brauche, ein Bild, eine besseres Wort, eine Erklärung geht mein Griff zum Smartphone oder zum Notebook und dann suche ich meist mit Erfolg.

Für knifflige Fälle kenne ich Suchstrategien, aus Erfahrung entwickelt oder in Workshops gelernt, zum Beispiel von Heike Baller . Tatsächlich suche ich meist stringent und klug.

Das ist die eine Seite.

Doch ist da noch die andere.

Neben der, nennen wir sie zielführenden Suche beherrsche ich meisterhaft die Strategie der unendlichen Suche. Es ist eine unscharfe Suche , eine Suche nach dem wunderbunten Vögelchen, nach der verlorenen Zeit , nach den glücklichen Inseln hinter dem Winde . Eine Suche, die sich selbst genügt  und im Sande verläuft . Eine Suche, die nicht weiß, worauf sie sich richtet . Die sich nie erschöpft . Ich geh und suche mit Verlangen. 

Ich schwinge mich von Seite zu Seite, von Frage zu Frage und verliere mich, ich erkunde das Fremde, entdecke Vertrautes wieder und staune.

Diese blinde Suche ist ein transzendentales Erlebnis .

Meine Technik ist einfach, verlangt jedoch Achtsamkeit.

Goldene Linien auf lila Grund
Nina Bodenlosz hat ihre transzendentale Suche selbst gemalt.

Und so geht es: Schließen Sie die Augen, atmen sie neun Mal ein und aus. Lassen Sie Ihren Geist ruhig werden und warten Sie, bis sich eine Frage einstellt. Und es wird eine Frage in Ihnen reifen, seien Sie sich gewiss. Keine Frage ist zu klein, zu banal oder zu groß. Jede Frage hat ihre Berechtigung und es gibt einen Grund, warum sie sich Ihnen stellt, auch wenn Sie diesen Grund nicht erkennen können.

Es erscheint also eine Frage wie: Was wäre die italienische Küche ohne Tomaten? Nehmen Sie die Frage an und begeben Sie sich auf Ihre Quest.

Sie können Ihre Recherche in einer Suchmaschine beginnen. Sie können Wikipedia öffnen oder eine beliebige Webseite zum Thema. Verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl.

Geben Sie einen Suchbegriff ein. Wenn Sie von einer Webseite aus starten, suchen Sie nach einem Begriff, der dort Ihr Interesse weckt oder klicken Sie auf einen Link.

Wählen Sie das erste Suchergebnis, das Sie lockt. Auch hier wird Sie Ihre Intuition leiten. Lesen Sie, schauen Sie und gehen Sie weiter: Klicken Sie auf einen Link oder stellen Sie eine neue Frage. Denken Sie nicht darüber nach, in welche Richtung Sie weiterziehen. Zweifeln Sie nicht. Kontrollieren Sie nicht Ihre Impulse. Sie wissen, was Sie brauchen: Freude und Neugier weisen den Weg.

So könnte eine Route verlaufen:

Wann wurde die Tomate nach Italien gebracht? Woher kam sie? Wer hat sie hergebracht? Was ist das für eine Frucht? Was hat ihre Verbreitung mit der Kolonialisierung zu tun? Wie heißt die Tomate auf Indisch? Warum sind reife Tomaten meist rot? Was unterscheidet dieses Rot vom Rot der roten Bete? Warum heißt es nicht Rote Beete? Wann ist die rechte Zeit, um Beete anzulegen? Wann beginnt der Frühling? Gibt es Jahreszeiten auf der Venus? Venus, die Schaumgeborene, warum kommt sie aus dem Meer? Wie sieht das berühmte Bild genau aus? Wie lange dauert eine Zugfahrt nach Italien und was kostet sie? Wie hoch ist der Brenner? Wann wurde der erste Alpentunnel gebaut? Wie kalt ist es in einem kilometerlangen Tunnel? Könnte ich mit dem Rad durchfahren? Hat das schon jemand getan? Wo ist die größte Tropfsteinhöhle und gibt es Fotos? Sind das Stalaktiten oder Stalagmiten? Warum fürchte ich mich unter Tage? Wie spät ist es? Wie viele Zeitzonen gibt es? Was will ich morgen kochen? Gibt es ein italienisches Gericht ohne Tomaten? Schmeckt das? Was bedeutet Schmecken und wie kommt es zustande?

Ich denke, Sie verstehen das Prinzip. Sie kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen, hüpfen von Link zu Link, von Bild zu Bild, von Impuls zu Impuls. Jede Suche wird einmalig sein.

Versuchen Sie es! Brechen Sie auf in unbekannte Welten und erweitern Sie Ihren Horizont.

Oder sind Sie längst auf Erkundungsfahrt im Internet? Vielleicht sind wir uns ja schon begegnet und haben uns aus der Ferne zugewinkt.

Wie dem auch sei: Ahoi  und bon voyage !

Liebe Nina, vielen Dank für diese wunderbare Beschreibung dessen, was mir im WWW so alles begegnen kann. Ich könnte jetzt ’ne Tomate vertragen – aber: Schmecken die im Winter überhaupt *suchgeräusch*


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