Das Verschwinden des Philipp S. von Ulrike Edschmid

Philipp S. war 28, als er starb. Er starb durch Kugeln aus Polizeiwaffen. Der Polizist Walter Pauli starb durch einen Schuss aus seiner Waffe. Ganz klar – Philipp S. war Terrorist.

Wie Philipp S. wirklich hieß, mit wem er zusammen den politischen Wandel herbeiführen wollte, können Sie an verschiedenen Stellen im Netz nachlesen:

Das schmale Bändchen von Ulrike Edschmid ist etwas anderes: Der Versuch, Jahrzehnte später, den Weg zu schildern, der einen sensiblen jungen Mann mit künstlerischer Ambition in den Untergrund führte. Dabei spielt die Außenwelt nur eine geringe Rolle – die umwälzenden Ereignisse der späten 60er und frühen 70er finden nur am Rande statt, obwohl sie die Existenz der kleinen Familie direkt betreffen. Ulrike Edschmid geht den Weg der Innensicht – wie verändert sich ein Mensch, der sich radikalisiert? Sein Verhalten gegenüber der Frau, die er liebt, gegenüber dem Kind, das er liebt, im Freundeskreis, im Beruf. Wann schlägt die Unzufriedenheit mit den poltisichen Umständen in Radikalität um? Was sind die ersten Schritte auf diesem Weg? Und auch: Wie weit ist sie bereit mitzugehen?

Hier wird nicht wie in Baader-Meinhof-Komplex nach Aktenlage geschrieben, sondern aus dem Miterleben und aus dem Leid, einen geliebten Menschen auf diese Weise zu verlieren – nicht erst nach den Schüssen im Mai 1975, an denen Philipp S. starb.

Die rund 150 Seiten sind nicht einfach so wegzulesen – die Sprache ist sparsam und eindringlich zugleich. Ich kann das Buch wirklich empfehlen. Um den Hintergrund auszuleuchten, schadet es nicht, das dicke Standardwerk von Stefan Aust auch gelesen zu haben.

Das Buch als Roman zu deklarieren, finde ich ziemlich daneben.

Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philipp S., Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN: 9783518423493

Rezensionen ab Mai 2013 erscheinen in meinem Literaturblog Kölner-Leselust.de.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere