Als ich selbst Rechercheurin war. Bericht aus der Steinzeit

Lisa Graf-Riemann, Krimi- und Sprachführerautorin, Textine, Lektorin und Bloggerin beschenkt heute mein Blog im Rahmen des Blogwichtelns vom Texttreff mit einem stimmungsvollen Blick in die Vergangenheit – Recherche vor dem Internet. Lang, lang ists her …

Nach meinem Studium Ende der 80er Jahre war ich einige Jahre, sechs oder sieben, Redakteurin bei Kindlers Neuem Literaturlexikon. Ich aktualisierte bestehende Lexikonbeiträge, bibliographierte und schrieb neue Beiträge. Ich kümmerte mich um die spanische und lateinamerikanische Literatur, schrieb über Carlos Fuentes, Mario Vargas Llosa, Pablo Neruda, Juan Carlos Onetti, Julio Cortázar.

Bibliographieren und recherchieren, wie ging das überhaupt in den 80ern? Bei mir sah es so aus, dass ich dreimal die Woche in die Münchner Staatsbibliothek fuhr, meinen Mantel einem der Schließfächer anvertraute und dann anfing, im Katalogsaal die hölzernen Karteikästen mit den passenden Buchstaben zu öffnen und die Kärtchen durchzublättern, die entweder mit einem Füllfederhalter handgeschrieben oder mit der Schreibmaschine getippt waren.

Schlagwortkatalog_Dr.MarcusGossler

Es roch nach Hartholz, das von vielen Händen berührt, altem Papier, das von vielen Fingern umgeblättert worden war. Niemand sprach in dem großen Raum, ab und zu rollte ein Kugelschreiber auf den Boden. Draußen zog der Verkehr auf der Ludwigstraße vorbei, lautlos hinter den hohen Doppelglasfenstern. Die Zeiger der großen Uhr über dem Eingang krochen über das pergamentene Zifferblatt. Es dämmerte.

Mit den notierten Signaturen machte ich mich auf den Weg zum Präsenzlesesaal, wo die Nachschlagewerke standen und die bibliographischen Kompendien, schwere Wälzer mit Leder- oder Kunstledereinband. Mit der Zeit lernte man die wichtige Sekundärliteratur von der unwichtigen zu unterscheiden, die relevanten Autoren von den weniger relevanten, die Fachpublikationen von den populären. Man stellte Bezüge fest und allmählich wurde das auf diese Weise gewobene Netz dichter und irgendwann trug es und man hatte seine aktuelle Bibliographie zusammen und nichts Wichtiges übersehen.

Die Ergebnisse meiner Arbeit trug ich zu Hause per Handkorrektur auf den Ausdrucken der bestehenden Texte ein, Ergänzungen schrieb ich mit der Schreibmaschine, einer elektrischen Triumph Adler, die den gesamten Platz auf meinem Schreibtisch einnahm. Wenn es sich ergab, brachte ich den Stapel Papier, Frucht einiger Wochen akribischer Arbeit, persönlich in die Redaktion. Der Chefredakteur residierte mit seiner kleinen Crew in einer Altbauwohnung am Prinzregentenplatz. Er freute sich, wenn ich ihn besuchte. Manchmal brachte ich meine beiden Kinder mit, die in den sieben Jahren Arbeit am KLL zur Welt gekommen und zu Kleinkindern herangewachsen sind. Und der Chefredakteur führte mir stolz seine Kinder vor: Band eins, zwei, drei bis zwanzig von Kindlers Neuem Literaturlexikon, hellgrauer Rücken, rote Schrift.

Heute ist alles anders. Den Katalogsaal mit den unzähligen Kärtchen braucht niemand mehr. Die Triumph Adler ist da, wo seit Jahren auch das Faxgerät und das Tastentelefon untergekommen sind und der Tischkopierer, der ebenfalls den ganzen Tisch brauchte, nicht nur eine Ecke davon. Sogar eine neue Ausgabe des KLL gibt es, in 18 Bänden oder als online-Datenbank. Eine Mitarbeit konnte ich mir dieses Mal nicht leisten, aber meine Texte sind immer noch da. Bei den Leseproben, wenn man auf Lateinamerika klickt, sind zwei der drei erscheinenden Autoren „meine“, mit meinen Artikeln und meinen Bibliographien, von unbekannter Hand noch einmal aktualisiert, wahrscheinlich auf ganz andere Art als ich damals im Katalogsaal der „Stabi“, unter den schleichenden Uhrzeigern einem Kugelschreiber zusehend, der langsam vom Karteikasten rollt.

Lisa Graf-Riemann

14 thoughts on “Als ich selbst Rechercheurin war. Bericht aus der Steinzeit”

  1. Oh ja, diese Zettel in den Zettelkästen, an den Rändern schon ganz weichgegrabbelt. Mein größter Horror war es, wenn man auf Microfiches verwiesen wurde. Grauenhaft. Kein Wunder, dass ich so lang studiert habe, bis die Recherchiererei einfacher war 🙂

  2. Manchmal überkommen mich auch heute noch Erinnerungen an die Form der Fernleihe früher (UB Köln): Roten Zettel ausfüllen und in die Box werfen. Heute setze ich ein Häkchen im Computer und gut is’. Aber nicht immer. Wenn ich dann bei meinem Konto den Suchweg verfolge, lese ich bei Raritäten schon mal die Worte: “Überleitung der Bestellung in die konventionelle Fernleihe (roter Leihzettel).” 😉 Aber heute ist es bei weitem komfortabler – schon allein, weil ich den Zettel nicht mehr ausfüllen muss …

    1. Oh ja, das ist noch mal ein ganz eigenes Kapitel. Bis zum heutigen Tage fülle ich nämlich irgendetwas an Formularen leider immer falsch aus. Und für meinen Magister brauchte ich fast nur Fernleihen. Ächz. Ich habe mir zumindest einen Adressstempel besorgt, denn der Teil ist nun wirklich der allerstupideste. Insbesondere bie Adressen mit gekoppelten Namen.

  3. Bibliotheksrecherche und Kaffee … Es hat Jahre gedauert, bis ich ich mich von meinen eigenen Stichwortkarteien und Exzerptordnern – immerhin von den meisten – getrennt habe. Es steckte eine Menge Arbeit drin und ein großer Haufen Erinnerungen. Keine Datenbank war bisher besser!

  4. Ja, das, was auch mich am ehesten nostalgisch macht, ist das Sinnliche an diesem Tun, obwohl, ich gesteh’s, Bibliotheken mich auch ganz rasch müde machen. Letztes Jahr musste ich für ein Übersetzungsprojekt noch mal ganz klassisch Zitate prüfen. Und war da in der wunderschön restaurierten Albertina hier in Leipzig und der ehrwürdigen Deutschen Nationalbibliothek, die schon architektonisch eine Freude ist. Und erfreulicherweise auch technisch gut ausgestattet ist. Diesen etwas säuerlich-staubigen Bücherduft aber brauch ich nur kurzzeitig, wie gesagt.

    Und was das Recherchieren für Übersetzungen angeht – wie oft schon habe ich gedacht, wie soll das eigentlich ohne Internet gehen? Wie viel ich allein schon Wikipedia verdanke, so auf die Schnelle! Die Möglichkeit der Volltextsuche – grandios. Doch, darüber bin ich schon sehr froh. Und da ich immer schon Heldin der Tippfehler war, war mein Tipp-Ex, Bastel- und Kopieraufwand auch sehr groß. Eine resedagrüne Oylmpia mit teilweise hakenden Typen war es bei mir noch, in meinem ersten Semester 1989. Unfassbar fast. Ich bin froh, es nicht mehr so machen zu müssen, abe auch froh, es kennengelernt zu haben.

  5. Oh, freut mich, dass der lange Artikel doch so viele Leserinnen gefunden hat.
    Ja, es war eine andere Zeit und irgendwie kommt es mir so vor, als habe man damals auch mehr Zeit gehabt als heute. Man musste sie haben, weil alles so viel länger dauerte. Allein der Einsatz von Tippex-Blättchen an der Schreibmaschine!!!
    Wirklich schade war das läppische Honorar, das mit für meine Arbeit für die neue Ausgabe bei Metzler angeboten wurde und das ich deshalb nicht annehmen konnte. Das waren waren keine Studenten-, keine Putzmänner-Honorare, sondern das war praktisch nichts, gratis. Und das ist etwas, das eindeutig damals besser war.

  6. Hach, da werde ich ganz nostalgisch. Während meines Studiums an der Uni Frankfurt gab es die neuesten Sachen schon digital, aber alles vor ca. 1990 musste man im Zettelkasten suchen. Ruhe herrschte da keineswegs, er stand in Frankfurt in einem riesigen Saal im Eingangsbereich, in dem auch Ausleihe und Rückgabe waren.
    Da ich u. a. Lateinamerikanistik studiert habe, habe ich bestimmt Lisas Artikel über lateinamerikanische Autoren gelesen. Faszinierend! Ich habe mir den Kindler damals sogar gekauft, eine große Investition als Studentin, aber er ziert noch heute das Regal in meinem Büro.

  7. Hallo Nina, Andrea und Silke,
    25 Jahre sind ein Vierteljahrhundert. Und wenn man dann noch die Schnelllebigkeit unsrer Technik heute berücksichtigt, dann ist die Zettelkatalogrecherche wirklich Steinzeit.
    Kennt Ihr die digitalisierten Zettelkataloge z. B. von Hebis, dem hessischen Bibliothekenverband http://www.hebis.de/de/1kataloge/retro.php ? Das ist zwar nicht so sinnlich, wie die Karten selbst in der Hand zu halten, aber manchmal genauso schwer leserlich 😉

  8. Liebe Lisa,
    was für ein schöner Artikel, der mich in eine Zeit entführt hat, als ich noch nicht recherchieren konnte oder musste. Aber als ich 1998 anfing zu studieren, war der Zettelkatalog in einigen Bibliotheken noch Standard. Mein Freund hat noch einmal angefangen zu studieren, als mein Studium sich nach vielen vielen Semestern dem Ende zuneigte. Als ich ihm mal sagte, er solle im Zettelkatalog nachschauen, schaute er mich mit großen Augen an und verstand nur Bahnhof …

  9. Was für eine sinnliche Angelegnheit das Reherchieren doch sein kann! Und schön, dass Spuren davon noch jetzt zu finden sind. Wenn auch nicht mehr handgeschrieben. Eine ganz magisch anmutende Zeitreise, dein Text, liebe Lisa.

  10. Ich frage mich auch oft, wie man “früher” – ohne das Internet – gearbeitet hat. Ich habe zum Beispiel in einer Lokalredaktion gearbeitet. Dort hatte man noch das gute alte “Handbuch des öffentlichen Lebens”, damals als “Oeckl” bekannt. Das war eine sehr wichtige Recherchequelle. Ohne Telefon und Fax ging nichts. Und der Seitenplan, der wurde noch per Hand auf Papier geklebt. Kam am Nachmittag noch eine Anzeige rein, war die Arbeit für die Katz – es musste neu geklebt werden. Aber irgendwie ging es doch: Jeden Tag erschien die Zeitung 😉

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