Die Haltung beim wissenschaftlichen Arbeiten

Straßenschild Bibliothek, Haltung zum wissenschaftlichen Arbeitn
Der Weg in die Bibliothek gehört auf jeden Fall zum wissenschaftlichen Arbeiten, sei es analog oder digital

Und zum wissenschaftlichen Arbeiten gehört auch die Recherche, genauer die Literaturrecherche! Deshalb hier ein paar Gedanken dazu.

In einer Diskussion bei Xing, wo ich meinen Beitrag zum wissenschaftlichen Arbeiten geteilt hatte, haben zwei Diskussionsteilnehmerinnen zu Recht betont, dass für wissenschaftliches Arbeiten nicht die Techniken und Kenntnisse das Entscheidende sind, sondern die Haltung gegenüber der Wissenschaftlichkeit. Und das kann  – und sollte wohl auch – den jungen Leuten schon vor dem Beginn eines Studiums klar sein.

Wie soll Haltung beim wissenschaftlichen Arbeiten aussehen?

Was mir in letzter Zeit an Beiträgen zu Literaturrecherche (ich habe zu dem Thema ein Alert eingerichtet, um mitzubekommen, was auf Blogs dazu gesagt wird) auf Studierendenblogs begegnet ist, spiegelt das Problem recht gut: Literaturrecherche gilt als lästig, mühsam und das Schreiben von Seminar- und Hausarbeiten als obsolet, weil ja schließlich niemals wieder jemand in die mühsam erarbeiteten Papiere guckt. (Ich werde hier jetzt keine einzelnen Beiträge verlinken.)

Diese Haltung hat mich sehr erstaunt. Ich wäre als Studentin nie auf den Gedanken gekommen, dass meine Hausarbeiten für irgendwen anderes als für mich und meine Dozentin interessant sein müssten. Schließlich ging es darum, meine Fähigkeit unter Beweis zu stellen, dass ich ein Thema eingrenzen kann, die notwendige Literatur dazu finde, sie lesen und verstehen und sinnvoll in einen neuen Kontext stellen kann. Dabei waren alle Teilbereiche gleich wichtig – der neue Kontext war nicht wichtiger als die Literaturrecherche oder die Lektüre, denn erst nach der Lektüre der relevanten Arbeiten zum Thema, konnte ich ja überhaupt eine Frage dazu beantworten. Und lesen konnte ich erst, wenn ich die Sachen gefunden hatte.

Im Gegensatz zu meinem Nachwuchs und einigen anderen, die ich kenne, habe ich an der Schule keinerlei Hinweise auf “Wie hält man ein Referat?” oder gar eine Vorstellung zum wissenschaftlichen Arbeiten bekommen. Als ich an die Uni kam, musste ich das alles per Trial and Error selbst rausfinden, bei jeder Dozentin und jedem Dozenten neu, denn die Vorstellungen variierten. Ich hab mich da nicht mit Ruhm bekleckert. Andererseits habe ich gelernt, dass man ähnliche Aufgaben unterschiedlich angehen kann – die Gemeinsamkeit bestand darin, dass alles nachprüfbar sein musste, dass Zitate verifiziert gehörten und ggf. unbewusst eingeflossene Paraphrasen auch als Zitate gekennzeichnet werden mussten. Mit anderen Worten: überprüfen, überprüfen, überprüfen, Sachen nochmals lesen oder beim ersten Exzerpieren so sorgfältig vorgehen, dass das nicht nöitg wird. Das alles kostet Zeit. Es war ein Lernprozess. Und Prozesse brauchen Zeit.

Am Ende jedenfalls hatte ich das in Fleisch und Blut. Insgesamt täte es der Diskussion zum Thema gut, wenn dieses Prozesshafte wieder mehr in den Vordergrund rückt: Niemand muss bei der ersten Aufgabe alles perfekt können. Aber lernen wollen – das muss sein. Leider sehe ich eben auch Veranstaltungen wie “Crashkurse” zum wissenschaftlichen Arbeiten von einem Nachmittag oder so – da muss auch auf Anbieterseite, also den Unis!, ein Umdenken stattfinden.

Symbolbild Mikroskop Wissenschaft zu iwssenschaftlichem Arbeiten
Auch wenn Wissenschaft oft mit Naturwissenschaft gleichgesetzt wird – Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften unterliegen denselben Kriterien fürs wissenschaftliche Arbeiten

Die Idee, bereits die jungen Menschen an Schulen an das Thema heranzuführen, ist sinnvoll. Schließlich gehört das Verfassen einer Facharbeit schon seit Jahren zum Lerninhalt in der Oberstufe – spätestens da sollten sie dann wissen, wie Literatur gefunden werden kann, was ein direktes und was ein indirektes Zitat ist und warum man nicht einfach nacherzählen kann, was ein anderer geschrieben hat (das sage ich jetzt auch der 19-Jährigen, die ich mal war, denn genau so einen Blödsinn hab ich im ersten Semester abgeliefert). Text- und Quellenkritik gehören bereits vorher zum Schulstoff, mindestens in Geschichte und Politik oder Sozialwissenschaft. So kann bereits ab der Mittelstufe ein Bewusstsein dafür geschärft werden, wie Quellen zu finden und zu bewerten sind. Die digitalen Instrumente bieten da eine Menge Möglichkeiten. Und so ist es dann in dem verschulten Bachelor-Studium nicht mehr so zeitaufwendig wie bei mir Anfang der 80er, die korrekte Vorgehensweise zu verinnerlichen und eine Haltung der Wissenschaftlichkeit einzunehmen.

Das wünsche ich mir jedenfalls.

Wie erwirbt man Haltung fürs wissenschaftliche Arbeiten?

Die geht ja über die oben genannten Fähigkeiten und Kenntnisse hinaus. Zu wissen, dass man nicht plagiieren darf – auch nicht unwillentlich – bedeutet manchmal nur, Angst vor der Entdeckung und deren Konsequenzen zu haben. Um als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler – und sei es noch während des Studiums – zu denken und zu handeln, müssen ein paar Sachen zusammenkommen:

  • Die Freude an Erkenntnisgewinn – auch wenn die Fragestellung in einer Seminararbeit aufgrund des geringen Umfangs eher kleinteilig ist, ist der Gedanke, eine winzige Ecke eines Themas sorgfältig zu bearbeiten, nicht frustrierend, sondern erfreulich.
  • Das Bewusstsein, dass die eigene Arbeit anderen als Grundlage für weitere Arbeiten dienen kann (ja, ich weiß, Seminararbeiten fallen da nicht unbedingt drunter, aber schließlich braucht es für alles, was man neu lernt, eines Übungsparcours; und wer weiß – vielleicht entwickelt sich ja aus der Seminararbeit später mal was anderes, wenn das Thema faszinierend ist) – wir forschen nicht allein, sondern in einer Gemeinschaft, in der sich andere auf uns verlassen.
  • Diese beiden Voraussetzungen führen dann hoffentlich zum dritten Aspekt: Gründlichkeit und Fleiß. Ja, ich weiß, das klingt superspießig – ist aber unerlässlich.

Das Problem im aktuellen Wissenschaftsbetrieb, so wie ich ihn als externe Lehrbeauftrage in einem schmalen Segment mitbekomme, besteht darin, dass die Wissensvermittlung an den Universitäten inzwischen stark berufsbezogen ist. Das hat sicher Vorteile – doch der Blick nur auf die Verwendbarkeit von “Kompetenzen” (lesen Sie sich mal Modulhandbücher zu den einzelnen Studiengängen durch, oder nur an – da geht es nur noch um “Die Studierenden können ” und “Die Studierenden erwerben Kompetenz” …) im späteren Berufsleben verengt den Blick der Studierenden erheblich. Schließlich, so das unterschwellige Argument, wird später eine solche Wissenschaftlichkeit nicht mehr benötigt. So erscheint sie offensichtlich einigen obsolet und “elfenbeintürmig”. Das bedauere ich sehr, denn die Haltung gegenüber dem wissenschaftlichen Arbeiten ist auch eine Haltung gegenüber dem Leben und anderen Menschen – schauen Sie auf meine kleine Liste oben: Alles was da steht, gilt auch für ein gutes Leben in Beruf und Privatbereich. Wissbegierig zu sein, offen gegenüber Neuem, Rücksicht auf andere zu nehmen, nicht zu schummeln und den eigenen Kram gründlich und zuverlässig zu erledigen – das alles sind Einstellungen oder Charaktereigenschaften, die im Leben weiterhelfen. So ganz grundsätzlich.

Somit ist Haltung beim wissenschaftlichen Arbeiten eben nicht nur das, sondern auch eine Einstellung gegenüber dem Leben.

 

 

Boah, bin ich jetzt pathetisch geworden. Ich hoffe, Sie sehen es mir nach. Es war mir wichtig.

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