So kam ich zu Thomas Mann – Porträt von Hermann Kurzke

Eigentlich darf ich das als studierte Germanistin ja gar nicht sagen, ich tu’s aber doch: Bis vor zwei oder drei Jahren konnte ich mit Thomas Mann nix anfangen …

In der Schule haben wir mal eine Szene aus den Buddenbrooks gelesen, die mich beeindruckt hat – aber den ganzen Roman habe ich damals nicht geschafft. Als junge Person habe ich dann Zauberberg und Doktor Faustus gelesen – aber nix behalten. Kapiert wohl auch nicht. Die Buddenbrooks lagen mir dann als Lektüraufgabe noch schwer auf der Seele – ich habe sie gelesen, aber nicht wirklich genossen.

Vor rund elf Jahren kam dann die Fernsehserie “Die Manns – ein Jahrhundertroman” raus, die ich mir interessiert beguckt habe. Neuer Anlauf mit Mannlektüre. Nee, so richtig hat es mich nicht gepackt. Dafür habe ich mich mit seiner Familie beschäftigt ;-).

Und dann fiel mir “Thomas Mann. Ein Porträt für seine Leser” von Hermann Kurzke in die Hände. Bevor ich dazu was sage: Im Anschluss habe ich mit großem Vergnügen nicht nur “Der Erwählte” sondern auch “Joseph und seine Brüder” gelesen.

Was macht Hermann Kurzke? Er orientiert sich an den großen Werken Manns – sie sind die Haupteinteilung des Buches, die Kapitel. Darunter gibt es lauter durchnummerierte Einzelabschnitte, die teilweise nur eine oder zwei Seiten umfassen. Beispiel? Unter “Königliche Hoheit” der Abschnitt “24 Schreibtechnik” oder unter “Der Tod in Venedig” die Abschnitte “28 Apollinisch  und dionysisch” oder “29 Ehrgeiz”. Andere heißen: “Adorno” oder “Slums” oder “Geld” oder “Bibliothek”. An den Titeln wird schon klar, dass das nichts ist, was nur auf den einen Roman zutrifft, der hier die Hauptüberschrift bildet. Es geht immer ums Ganze; die konkrete Situation um einen Roman – das kann etwas im Roman aber auch etwas aus seiner Entstehungsgeschichte sein – dient als Aufhänger, um Aspekte von Leben, Werk und bspw. Arbeitsmethode darzustellen. Weshalb das nicht im Chaos endet? Weil Hermann Kurzke seinen Mann in- und auswendig kennt und immer die Kurve hinbekommt, zum Hauptthema des Kapitels zurückzukehren. Am Ende des Buches habe ich viel von Thomas Mann verstanden, was mir die Lektüre zahlreicher anderer Biographien nicht vermitteln konnte. An den Werken Manns erläutert Hermann Kurzke, wie Thomas Mann tickt und wieso seine Bücher so sind, wie sie nun mal sind. Er kennt wie gesagt Thoams Mann durch und durch – Leben und Werk und er steht ihm freundlich gesonnen aber nicht unkritisch gegenüber. Das alles ist in einem gut lesbaren Stil geschrieben, informativ und unterhaltsam – ich fand’s einen Genuss.

Für die, die’s gern chronologisch haben, gibt es am Ende noch Daten und Fakten – ein biographische Chronik in Sinnabschnitten. Sozusagen als Gutsle oben drauf.

Ich kann das Buch allen Mann-Interessierten (ob Skeptikern oder Fans) nur empfehlen.

Hermann Kurzke: Thomas Mann. Ein Proträt für seine Leser, Beck, München 2009, ISBN: 9783406562594

Rezensionen ab Mai 2013 erscheinen in meinem Literaturblog Kölner-Leselust.de.

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