Tracy Chevalier „Zwei bemerkenswerte Frauen“

Haben Sie schon mal den Namen Mary Anning gehört? Oder Elizabeth Philpot?

Ich vermute, außer, wenn Sie sich intensiv mit Fossilien beschäftigen, sind Ihnen diese Namen fremd. Das kann sich nun ändern.

Tracy Chevalier hat einen bezaubernden Roman über diese beiden Frauen und ihre Leidenschaft – das Fossilienjagen! – verfasst. Je ein Kapitel lang erzählt jede von ihnen ihr Leben, chronologisch aufeinander aufbauend und mit der unterschiedlichen Perspektive aufs Leben, die auf ihrer unterschiedlichen Herkunft beruht: Mary stammt aus einer armen Familie, Handwerker und Arbeiter, die immer wieder gegen den Hunger kämpfen muss und Elizabeth aus einer mittelständischen Familie, deren „Oberhaupt“ seine drei unverheirateten Schwestern nach Lyme Regis abschiebt, weil das billiger ist.

So ist dieser Roman nicht nur die Geschichte einer  Freundschaft mit Höhen und Tiefen, sondern auch ein Portrait der sozialen Stellung von Frauen zu Beginn des 19. Jahrhunderts – da ist nichts mit einer vermeintlichen Jane-Austen-Idylle (sie hat die Situation vermögensloser Frauen in der Gentry auf ihre Weise schonungslos geschildert – das ist uns heute nicht unbedingt so bewusst – sorry für den Einschub …), Tracy Chevalier lässt uns die Missstände hautnah miterleben.

Und dann das Hauptthema Fossilien: ihre Arten,wie sie gefunden werden, besonders die aufsehenerregenden Funde des ersten Ichthyosauriers und Plesiosauriers,  was die Menschen zu der Zeit darüber dachten, wie sie präpariert wurden, die zeitgenössische wissenschaftliche Diskussion – das alles kommt vor. Die Funde erschütterten den Glauben an die Heilige Schrift, denn hier waren eindeutig Tiere entdeckt worden, die es nicht mehr gab.  Darüber nachzudenken, fanden die meisten Menschen erschreckend, denn für sie war die Erde, so wie sie war, von Gott vor 6.000 Jahren geschaffen und vollkommen. Der Gedanke an eine Entwicklung war völlig neu und galt als blasphemisch.

Ich habe den Roman mit Freude gelesen. Wenn Sie nach der Aufzählung eben meinen, das müsse doch ein Konstrukt sein, dessen Baupläne mindestens durchschimmern – nein, es ist die Geschichte einer Leidenschaft, die Geschichte einer Feundschaft und sie ist rund. Ehrlich gesagt, war mir bis zur Lektüre des Nachworts, das ich zugegegbenermaßen schon las, als ich in der Mitte des Buches war, nicht klar, dass es sich bei den Frauen und den namentlich genannten Wissenschaftlern, mit denen sie umgingen, um reale Personen der Paläontolgie handelt.

Was mich als einziges stört, ist der deutsche Titel – er verkürzt den englischen Originaltigel auf Mary und Elizabeth. Im Original lautet er: Remarkable Creatures und mit diesen bemerkenswerten, faszinierenden Geschöpfen sind eben nicht nur die beiden wirklich bemerkenswerten Frauen gemeint.

Tracy Chevalier gibt am Ende im Nachwort noch weitere Informationen zu Leben von Mary und Elizabeth bekannt sowie eine Literaturliste für die, die sich weiter mit dem Thema befassen wollen; es gibt zu jeder der Frauen auch eine Seite bei Wikipedia: Mary Anning und Elizabeth Philpot.

Tracy Chevalier: Zwei bemerkenswerte Frauen, München, btb, übersetzt von Anne Rademacher, ISBN: 9783442743056

Rezensionen ab Mai 2013 erscheinen in meinem Literaturblog Kölner-Leselust.de

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