Der Debutroman von Sarah Winman: „Als Gott ein Kaninchen war“

Im zweiten Teil des Romans sitzt die Protagonistin an einer Kolumne die „verloren – wiedergefunden“ heißt – und das ist auch das Thema des Romans. Eine Geschichte von Verlusten aller Art, bei denen das Unaussprechliche unausgesprochen bleibt und eine Präsenz entwickelt, die die manchmal flapsigen Erzählweise regelrecht unterminiert.

Eleanor Maud, genannt Elly oder Ell, nimmt die Leserin mit ihre Welt – außer in den Briefen, die gelesen werden, wird nur ihre Sicht auf die Welt sichtbar. Ihre Kindheit wird beschirmt von ihrem großen Bruder, der sie zu schützen versucht, der sie kennt, wie niemand sonst. Zur Familie hinzu stoßen neue Gestalten, die ebenfalls zu Familienmitgliedern werden – Ells Freundin Jenny Penny zum Beispiel, die eine Münze aus ihrem Arm holt, die Sachen vorhersehen kann und Unmögliches möglich macht. Charlie, der Freund von Ells Bruder, Nancy, die lesbische Schwester des Vaters, die als Schauspielerin arbeitet und in Ells Muter verliebt ist, Arthur, der weiß, wann und wie er sterben wird, Ginger, seine singende Freundin, Alan, der Fahrer und seine Familie – in der Familie von Ell finden sie alle ihren Platz. Klingt nach Idylle, nicht wahr? Ja, die gibt es auch – aber daneben gibt es Schuld und Verletzungen und zerbrochene Seelen. Ell selber hat im zweiten Teil des Buches, das ihr Leben als Erwachsene schildert, Schwierigkeiten, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Bei allen Wunden, die sie und die andern mit sich herumtragen, bleibt aber eine Grundstimmung von Zusammenhalt.

Faszinierend ist an dem Buch die Sprache – Sara Winman erzählt lakonisch und poetisch zugleich. Besonders eindrücklich fand ich die Schilderung von Ground Zero fast unmittelbar nach dem Angriff auf das World Trade Center 2001 – Ell geht an all den Bildern vorbei, auf denen vermisste Menschen zu sehen sind, neben deren Porträts ihre Angehörigen ihre Verzweiflung und ihre Hoffnung ausdrücken. Das hat mich tiefer berührt als alle ständig wiederholten Bilder anlässlich des zehnten Jahrestages im Fernsehen.

Insgesamt habe ich den zweiten Teil mehr „verschlungen“ als den ersten. Die Schilderung der Kindheit und Jugend mit den stattgehabten Verletzungen empfand ich als etwas ziellos – der zweite Teil hingegen hat eine Richtung, was mir besser gefiel. Den habe ich dann auch innerhalb eines Nachmittags ausgelesen …

„Verloren und wiedergefunden“ – das Thema einer Familie, in der skurrile Mitglieder herzlich willkommen sind, einer Familie, die über Gefühle nicht reden kann, aber tief empfindet, einer Familie, in der alle ihre Geheimnisse haben, aber immer bereit sind, die der anderen mitzutragen, auch wenn vorher die Fetzen fliegen. Ein lesenswertes Buch.

Sarah Winman: Als Gott ein Kaninchen war, Limes Verlag, München, übersetzt von Carolin Müller, ISBN: 9783809026129

Rezensionen ab Mai 2013 erscheinen in meinem Literaturblog Kölner-Leselust.de.

One comment on “Der Debutroman von Sarah Winman: „Als Gott ein Kaninchen war“

  1. Danke für die Rezension. Das Buch stand eh schon auf meiner „Will ich lesen“-Liste. Und jetzt ist es ganz nach oben gerutscht!

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